Liebe Bergluft-Enthusiasten, liebe Geschichtsforscher und alle, die Euch nach einem wahrhaft erhebenden Erlebnis sehnen!
Herzlich willkommen zu einem ganz besonderen Blogbeitrag, der Euch in schwindelerregende Höhen und tiefe historische Gewässer entführen wird: Wir begeben uns auf den Aufstieg in das Herzstück Kastelruths, seinen majestätischen und freistehenden Kirchturm.
Dieser Turm ist weit mehr als nur ein Bauwerk, er ist das unverkennbare Wahrzeichen des Dorfes am Fuße des Schlern, ein stummer Zeitzeuge von Jahrhunderten und ein Versprechen auf eine Aussicht, die Euch den Atem rauben wird. Packt Euren Entdeckergeist ein, denn wir erklimmen nicht nur 82 Meter Höhe, sondern auch die faszinierende Geschichte dieses “Doms auf dem Berge”!
Der “Dom auf dem Berge” und sein stolzer Turm
Kastelruth, eingebettet in die malerische Landschaft Südtirols, ist ein Ort voller Charme, Tradition und alpiner Schönheit. Sein historischer Ortskern, der es nicht umsonst unter die schönsten Dörfer Italiens geschafft hat (“Borghi più belli d’Italia”), wird dominiert von einem Bauwerk, das Ihr schon von Weitem grüßen werdet: der Pfarrkirche St. Peter und Paul – liebevoll auch “Dom auf dem Berge” genannt – und ihrem freistehenden Kirchturm.

Die einzigartige Architektur: Getrennt und doch vereint
Was sofort ins Auge sticht, ist die ungewöhnliche Bauweise: Kirche und Turm stehen nicht direkt beieinander, wie man es von vielen Gotteshäusern kennt. Der Turm, ein quadratischer Bau von 11 mal 11 Metern Grundfläche, ragt selbstbewusst vor der Hauptfassade der Kirche auf. In Südtirol ist diese Trennung eine Seltenheit, auch wenn sie im Veneto häufiger vorkommt.
Diese architektonische Besonderheit ist das direkte Ergebnis eines verheerenden Schicksalsschlags, der die Geschichte Kastelruths im 18. Jahrhundert prägen sollte.
Die Narben der Vergangenheit: Der Dorfbrand von 1753
Um die heutige Form des Kirchturmes zu verstehen, müssen wir ins Jahr 1753 zurückblicken. Am 24. Mai 1753 wütete ein schrecklicher Dorfbrand, der weite Teile Kastelruths in Schutt und Asche legte – und mit ihm auch den ursprünglich gotischen Kirchturm. Die Flammen hinterließen nur Ruinen.
Man beschloss daraufhin, einen neuen Turm zu errichten. Diesmal sollte er in sicherem Abstand zur Kirche stehen, um ein Übergreifen der Flammen bei einem erneuten Unglück zu verhindern.

Der Neubau: Klassizismus mit barocker Note
Der Neubau des Turmes begann wenige Jahre nach dem Brand, nämlich in den Jahren 1756 bis 1758, nach den Plänen des Brixner Maurermeisters Simon Rieder. Doch die Bauarbeiten zogen sich hin. Erst im Jahr 1780 konnte die Turmkuppel fertiggestellt werden. Insgesamt dauerte die Errichtung des heutigen Kirchturmes, unterbrochen durch verschiedene Schwierigkeiten, somit rund 25 Jahre!
Das Ergebnis ist ein beeindruckendes Beispiel des Klassizismus, gekrönt von einer hochgezogenen barocken Zwiebelkuppel, die in eine schlanke Laterne übergeht und von einer zweiten, kleineren Zwiebelspitze mit Kugel und Kreuz abgeschlossen wird. Dieses Ensemble aus Klassizismus und Barock macht den Turm zu einem einzigartigen Anblick und verleiht ihm seine stolze Höhe von 82 Metern, womit er zu den höchsten Kirchtürmen in ganz Südtirol zählt.
Im Kontrast dazu wurde die heutige Pfarrkirche selbst erst später, zwischen 1846 und 1849, im schlichten und eleganten klassizistischen Wiener Ingenieurstil neu errichtet und am 21. Oktober 1849 feierlich eingeweiht. Die Trennung des historischen Kirchturms von der klassizistischen Kirche bildet somit ein faszinierendes architektonisches Spannungsfeld auf dem Krausplatz, dem Herz des Dorfes.

Der Aufstieg: 298 Stufen zur Ewigkeit
Doch nun kommen wir zum eigentlichen Abenteuer, das Euch erwartet: dem Aufstieg!
Regelmäßige Führungen auf den Kirchturm, die meist vom Tourismusverein organisiert werden, bieten Euch die einmalige Gelegenheit, dieses Denkmal nicht nur von außen, sondern auch von innen zu erleben. Dies ist keine gewöhnliche Besichtigung, sondern eine echte körperliche und mentale Reise durch das Innere des Berges.

Der erste Schritt: Das Tor zur Geschichte
Schon der Eingang in das Innere des Kirchturms fühlt sich feierlich an. Ihr lasst den lebhaften Dorfplatz hinter Euch und betretet eine Welt aus Stein und Holz, die nach Jahrhunderten riecht. Die Luft wird kühler, die Geräusche der Welt gedämpfter.
Der Weg nach oben in den Kirchturm führt über 298 Holzstufen. Ein ambitioniertes Ziel, das Ausdauer verlangt, aber jede Anstrengung ist es wert. Eure Begleiterin oder Euer Begleiter wird Euch dabei mit spannenden Anekdoten und Fakten zur Geschichte des Turms versorgen, die Euch die Mühen des Aufstiegs vergessen lassen.

Durch enge Gänge und hölzerne Treppenhäuser
Der Aufstieg auf den Kirchturm ist abenteuerlich. Ihr werdet auf steile, hölzerne Treppen treffen, die sich spiralförmig nach oben winden, Euch durch schmale, enge Öffnungen zwängen und Euch durch mehrere Stockwerke emporarbeiten. Es ist ein intimes und hautnahes Erleben des Bauwerks, wie es nur an solchen historischen Orten möglich ist.
Dabei passiert Ihr die verschiedenen Ebenen des Kirchturms, jede mit ihrer eigenen Funktion und Atmosphäre. Hier, im Inneren der massiven Mauern, spürt Ihr die gewaltige Statik und die Handwerkskunst des 18. Jahrhunderts.
Zwischendurch wird es ab und zu mal richtig eng. Meine Kameratasche haben ich irgendwann unterwegs stehen lassen, weil ich schon ohne sie kaum durch die Öffnung gepasst habe. Bei meinem Papa wurde es teilweise richtig eng. Wenn Ihr also Platzangst habt, dann solltet Ihr den Aufstieg lieber sein lassen. Und – auch wenn es böse klingt – Personen mit größerer Körperfülle sollten auch lieber Abstand davon nehmen. Ich möchte Euch damit nur die Blamage ersparen, wenn Ihr unterwegs aufgeben müsst, weil kein Durchkommen mehr ist.

Die Geheimnisse der Uhrwerke
Auf einer der ersten Ebenen trefft Ihr auf ein unscheinbares, aber historisch bedeutendes Detail des Kirchturms: das Turmuhrwerk. Die Uhr, deren Zifferblätter draußen an den Turmseiten zu sehen sind, stammt bereits aus dem Jahr 1754 und wurde von den Grödner Uhrmachern Mathias und Peter Alneider geschaffen. Das einfache, robuste mechanische Werk ist ein faszinierendes Zeugnis der Feinmechanik vergangener Zeiten und schlägt beharrlich den Rhythmus des Dorflebens.

Die “schönsten Glocken weit und breit”
Der Höhepunkt des inneren Aufstiegs ist das Glockenhaus. Hier, kurz vor dem Erreichen der Aussichtsplattform, werdet Ihr Zeuge eines der größten Schätze des Kastelruther Turmes: seines Geläuts.

Im Glockenhaus hängen neun Glocken. Acht dieser Glocken wurden 1922 von der Gießerei Adda in Crema gefertigt, um die ursprünglichen Glocken zu ersetzen, die dem Ersten Weltkrieg zum Opfer gefallen waren. Lediglich das kleinste, das sogenannte „Sterbeglöcklein“, besteht seit 1763 und hat den Brand und die Kriege überdauert.

Die Kastelruther sind besonders stolz auf die Harmonie ihres Geläuts – sie behaupten nicht ohne Grund, das schönste Geläut weit und breit zu besitzen. Die Tonfolge der Glocken ist As, C, Es, F, G, as, c und b. Wenn Ihr das Glück habt, während einer Führung das Läuten hautnah zu erleben (informiert Euch unbedingt über die Läutezeiten!), werdet Ihr die gewaltige Akustik dieses Raumes spüren. Der Schall ist ohrenbetäubend, aber zutiefst ergreifend und verbindet Euch unmittelbar mit der Jahrhunderte alten Tradition.
Vorsicht: Wenn die Glocken läuten, ist der Lärmpegel extrem hoch. Ein guter Turmführer wird Euch aber rechtzeitig informieren, damit Ihr Euch darauf einstellen könnt.

Die versteckten Malereien
Haltet die Augen offen! Es heißt, dass das Bauwerk im Inneren auch mit versteckten Malereien überrascht. Diese unscheinbaren Details tragen zur Einzigartigkeit des Turmes bei und zeigen, dass auch das Innere des Bauwerks mit Liebe zum Detail gestaltet wurde.

Der Gipfel: Belohnung in 82 Metern Höhe
Nach den 298 Stufen ist es endlich so weit: Ihr habt die Kuppel des Kirchturms erreicht! Schon an der Form kann man deutliche sehen, dass wir uns jetzt im Zwiebelturm befinden. Und in dem Moment kann man durchaus stolz auf sich sein, den Aufstieg geschafft zu haben.

Die kleine Aussichtsplattform, die sich oberhalb der Zwiebelhaube befindet, ist Eure verdiente Belohnung. Durch kleine Öffnungen oder eine umlaufende Galerie (je nach Bauart und Freigabe) eröffnet sich Euch ein spektakulärer 360-Grad-Blick rund um das Dorf.

Die Majestät des Schlerngebietes
Von hier oben liegt Euch Kastelruth zu Füßen. Ihr blickt hinab auf den Krausplatz mit seinen historischen Bürgerhäusern, dem Rathaus, dem Ansitz Lächler und dem Dorfbrunnen. Ihr seht, wie sich die Gassen des historischen Zentrums durch das Dorf schlängeln.
Doch der Blick geht weit über das Dorf hinaus:
- Der Schlern: Der majestätische Schlern, das Wahrzeichen Südtirols, thront massiv und selbstbewusst in der Ferne. Sein Anblick von dieser erhöhten Warte ist schlichtweg atemberaubend und lässt Euch die Dimensionen der Dolomitenlandschaft erst richtig begreifen.
- Die Täler und Wiesen: Euer Blick schweift über saftig grüne Wiesen, durch die das Eisacktal und seine Seitentäler ziehen.
- Historische Zeugen: Ihr erkennt die Hügelkuppe des Kofels mit der Kalvarienberganlage, wo einst die Burg der Herren von Kastelruth stand. Auch die Ruine Hauenstein, einst Heimat des berühmten Minnesängers Oswald von Wolkenstein, wird in Eurem Panorama auftauchen.

Dieser Moment, in 82 Metern Höhe, umgeben von der Geschichte und dem Geläut der Glocken, ist ein Moment der tiefen Verbundenheit mit diesem einzigartigen Fleckchen Erde. Ihr steht an einem Punkt, der seit Jahrhunderten Wache über das Dorf hält und erlebt Kastelruth aus einer völlig neuen Perspektive.

Für uns war es übrigens auch ein Riesenspaß unseren beiden “Daheimgebliebenen” im Hotel Kasel Seiser Alm* vom Kirchturm aus zuzuwinken. Also haltet gerne auch Ausschau nach Eurem Hotel* und schaut es Euch von oben an.

Was Ihr sonst noch wissen solltet
Um diesen Blogbeitrag abzurunden, hier noch einige wichtige Zusatzinformationen, die Euren Besuch in Kastelruth bereichern werden:
Die Pfarrkirche St. Peter und Paul
Vergesst nach dem Abstieg nicht, auch die Pfarrkirche selbst zu besichtigen. Der “Dom auf dem Berge” ist ein beeindruckendes Beispiel des Wiener Ingenieurstiles. Im Inneren könnt Ihr:
- Das dreischiffige Langhaus mit seinen sechs Pfeilern bewundern.
- Das große Altarbild über dem Hochaltar sehen, das die “Aufnahme Mariens in den Himmel” darstellt, ein Werk des Schweizer Malers Melchior Paul von Deschwanden (1851).
- Die kunstvollen Wandmalereien im Langhaus (von Jonas Ranter und Franz Burger, 1893) und im Chor (von Ranter, Lackner und Max Vogt, 1898) auf Euch wirken lassen.

Kastelruth – Mehr als nur ein Turm
Kastelruth ist natürlich auch bekannt als die Heimat der Kastelruther Spatzen*. Die Musikgruppe hat den Namen des Ortes weit über die Grenzen Südtirols hinausgetragen und trägt zur Bekanntheit des Dorfes bei.
Die lange Geschichte des Ortes, die bis in die Spätbronzezeit zurückreicht und deren Name womöglich vom lateinischen Castellum Ruptum (zerbrochene Burg) abstammt, macht Kastelruth zu einem reichen kulturellen Zentrum. Die vielen Herrenhäuser im Dorf, wie der Ansitz Krausegg (das heutige Rathaus) und der Ansitz Lächler, zeugen vom Reichtum und der Bedeutung des Ortes in früheren Jahrhunderten.

Praktische Tipps für Euren Turm-Aufstieg
- Termine: Turmführungen werden in der Regel vom Tourismusverein Kastelruth angeboten und finden oft dienstags statt, wobei die Zeiten saisonal variieren können. Informiert Euch unbedingt vorab beim Tourismusbüro über die aktuellen Termine und Verfügbarkeiten, da die Teilnehmerzahl meist begrenzt ist.
- Kondition: Die 298 Stufen erfordern eine grundlegende körperliche Fitness. Der Aufstieg ist steil und teilweise extrem eng. Ihr solltet also auch keine Platzangst haben
- Kleidung: Tragt festes Schuhwerk.
- Höhenangst: Wer unter extremer Höhenangst oder Platzangst leidet, sollte sich den Aufstieg gut überlegen, da die Treppen teils sehr schmal und die Gänge eng sind.

Der Kirchturm von kastelruth – Ein echtes Highlight Eurer Reise
Der Kirchturm von Kastelruth ist ein Meisterwerk der Wehrhaftigkeit und der Kunstfertigkeit, geboren aus einer Katastrophe, aber gewachsen zu einem stolzen Symbol. Er fordert Euch heraus, belohnt Euch aber mit einem Einblick in seine Geschichte und einem Ausblick auf eine der schönsten Landschaften der Alpen.
Ich hoffe, mein Blogbeitrag und unser Abenteuer hat Eure Neugier geweckt. Geht diesen Weg, steigt die 298 Stufen im Kirchturm empor und erlebt Euer eigenes, erhebendes Kastelruth-Abenteuer!

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